Bokmål oder Nynorsk:

Was sind die Unterschiede, was soll ich lernen?


Bokmål und Nynorsk sind die zwei schriftlichen Varianten der norwegischen Sprache. Die Sprachformen sind sich ziemlich ähnlich, aber es gibt auch einige Unterschiede.

Ein Beispiel:

  • Deutsch: Ich war zweimal in Norwegen.
  • Bokmål: Jeg har vært to ganger i Norge.
  • Nynorsk: Eg har vært to gonger i Noreg.

Sowohl Bokmål als auch Nynorsk sind offizielle Sprachen in Norwegen. Warum es diese beiden Varianten überhaupt gibt, erfährst du weiter unten in diesem Artikel. Hier erst einmal eine wichtigere, praktische Frage:

Sollte ich Bokmål oder Nynorsk lernen?

Da 90% der norwegischen Bevölkerung Bokmål verwenden, empfehle ich dir dringend, mit Bokmål zu beginnen. Sobald du ein solides Verständnis von Bokmål hast, möchtest du vielleicht etwas Nynorsk lernen, um die Unterschiede zwischen den beiden Sprachformen zu verstehen, obwohl Nynorsk und Bokmål sehr nahe beieinander liegen. Außerdem helfen dir ein bisschen Nynorsk-Grundkenntnisse beim Verstehen von vielen norwegischen Dialekten.

In unserem Norwegischlehrbuch „Nils“ unterrichten wir deshalb bokmål – im zweiten Teil, „Mysteriet om Nils„, gehen wir aber auch kurz auf nynorsk ein. Das Besondere bei den Büchern ist, dass sie auf einer zusammenhängenden Geschichte basieren statt auf langweiligen Dialogen. Schau doch mal rein!

Wer spricht Bokmål? Wer spricht Nynorsk?

Die Antwort mag verwirrend klingen: fast niemand. Bokmål und Nynorsk sind geschriebene Varianten des Norwegischen. Beim Sprechen verwenden die meisten Norweger einen lokalen Dialekt, der mehr oder eben auch weniger mit einer der beiden Schriftsprachformen übereinstimmt. Obwohl es in der Region Oslo einen gewissen Trend zur Standardisierung der gesprochenen Sprache gibt („Standard-Østnorsk„), ist es sehr verbreitet, dass beispielsweise Universitätsprofessoren einen Vortrag in ihrem lokalen Dialekt halten.

Hinzu kommt, dass es bei der Aussprache große Unterschiede innerhalb Norwegens gibt: viele Einwohner von Bergen werden zum Beispiel sagen, dass sie eigentlich „Bokmål sprechen“. Das Gleiche sagen

Warum eigentlich hat dieses kleine Land zwei offizielle Sprachen?

Norwegen war viele Jahrhunderte lang unter dänischer Herrschaft, und vom Mittelalter bis 1814 taten alle Menschen, die lesen oder schreiben konnten (damals nicht so viele), dies auf Dänisch. Das war kein Problem, weil Dänisch und Norwegisch einander immer recht ähnlich waren und das gegenseitige Verständnis nie Probleme gegeben hat.

Von keiner Sprache zu zwei Sprachen

Nach der Unabhängigkeit Norwegens im Jahr 1814, mit dem aufkommenden Nationalismus jener Zeit, wollten viele Menschen in Norwegen endlich ihre eigene Sprache haben und Dänisch als offizielle Sprache abschaffen.

Einige Sprachwissenschaftler begannen, nach den Wurzeln ihrer Nationalsprache zu suchen und waren überzeugt, sie unter den Dialekten in den abgelegenen Teilen des Landes, insbesondere in den Dörfern der Fjorde an der norwegischen Westküste, zu finden. Einer dieser Sprachbegeisterten, Ivar Aasen, reiste durch das ganze Land und stellte ein Wörterbuch und eine Grammatik der norwegischen Sprache zusammen. Dadurch erhielt Norwegen eine völlig neu geschriebene Version seiner Sprache, die „landsmål“ (Landessprache) und später „nynorsk“ (Neu-Norwegisch) genannt wurde.

Für weite Teile der Bevölkerung – vor allem in den Städten – war dieser Ansatz jedoch zu radikal. Sie sagten: Bleiben wir beim Dänischen und machen wir es einfach etwas norwegischer – nähern wir die Rechtschreibung der Aussprache in Norwegen an und fügen typische norwegische Wörter hinzu. Diese Sprachform wurde dann „riksmål“ („Reichssprache“) und später „bokmål“ („Buchsprache“) genannt.

1885 hat das Parlament dann die Büchse der Pandora geöffnet und beschlossen, dass beide Formen gleichwertig sein sollten: Damit war der Boden für den norwegischen Sprachenkonflikt bereitet.

Krieg der Konsonanten

Als ob es nicht schon kompliziert genug gewesen wäre, kamen einige Regierungsbeamte auf die seltsame Idee, eine Sprachpolitik zu verfolgen, die die beiden Formen in einer einzigen Sprache namens „samnorsk“ („Vereinigtes Norwegisch“) vereinen würde. Dies sollte durch zahlreiche Rechtschreibreformen erreicht werden, die 1917 begannen, als alternative Formen für Hunderte von Wörtern sowohl im Bokmål als auch im Nynorsk eingeführt wurden. Sowohl die Befürworter des Nynorsk als auch des Bokmål waren schockiert, da sie dies als eine Verunstaltung ihrer „reinen“ Sprachversionen betrachteten. Das Problem bestand darin, dass es bei den Reformen nicht nur um Änderungen der Rechtschreibung ging, sondern dass sie auch einige radikale grammatikalische Änderungen beinhalteten, die bei vielen Wörtern sogar eine Verschiebung des Geschlechts bedeuteten (das Dänische und auch das Riksmål bzw. das frühe Bokmål kennen nur zwei Geschlechter, das Nynorsk und die meisten norwegischen Dialekte aber drei).

Ein Beispiel:

Deutsch Bokmål Nynorsk
vor 1917 die Sonne solen soli
1917 – 1938 die Sonne solen oder sola soli oder sola
nach 1938 die Sonne sola sola

Zunächst waren die neuen Formen fakultativ, wurden aber 1938 obligatorisch, und erst der Zweite Weltkrieg verschob die schärfste Zeit des norwegischen Sprachenkonflikts, der das Land ab etwa 1950 zu einem sprachlichen Schlachtfeld machte. Eltern korrigierten die Schulbücher ihrer Kinder und organisierten Demonstrationen, Dichter versuchten, ihre Verleger zu zwingen, keine Änderungen an ihren Werken vorzunehmen. Ein Höhepunkt dieses Kampfes geschah 1962, als der Fernsehsprecher Sigurd Smebye, der den Wetterbericht im norwegischen Staatsfernsehen las, die alte Form „sne“ (statt des neuen „snø“) für Schnee verwendete – und infolgedessen seinen Job verlor. (Kein Witz! Er gewann seine Position erst nach einem Gerichtsverfahren wieder zurück, das mehr als ein Jahr dauerte. Mehr über diesen Vorfall kannst du hier auf Norwegisch lesen).

Sag mir, wie du schreibst, und ich sage dir, wen du wählst!

Der Grund für die heftige Debatte war eher eine politische als eine sprachliche – verschiedene politische Gruppen fühlten sich den Sprachformen unterschiedlich zugehörig: Die intellektuelle Elite blieb gerne beim dänischen bokmål, während viele Menschen aus der Arbeiterklasse und die Landbevölkerung nynorsk bevorzugten – und die Sozialisten unterstützten natürlich samnorsk (Vereinigtes Norwegisch): ohne Klassenunterschiede – und ohne Synonyme.

Die Privatisierung der Rechtschreibung

1981 musste die norwegische Regierung schließlich die Idee aufgeben, die beiden norwegischen Sprachformen zu vereinheitlichen, und die meisten der ab 1938 verbotenen Formen wurden wieder zugelassen.

Die Debatte ist noch nicht abgeschlossen und gehört wahrscheinlich zu den Konflikten in dieser Welt, die nie gelöst werden. Sonst können friedliche Norweger leicht zu heftigen Diskussionen über die Schreibweise einzelner Wörter provoziert werden.

Es gibt einen Witz, der diese Situation sehr prägnant erklärt:
Ein junger russischer Arbeiter reist nach Norwegen, direkt nach der bolschewistischen Revolution von 1917. Er betritt eine Kneipe und stellt fest, dass sich alle Gäste hitzig miteinander diskutieren. Er fragt einen Gast: „Sag mal, beginnt bei euch in Norwegen wohl auch gerade die Revolution?“ – „Ach nein“, kommt die Antwort „wir streiten nur darüber, wie man das Wort Revolution buchstabiert“.

Wie du jetzt weitermachen kannst

In unserem Norwegischlehrbuch „Nils“ unterrichten wir bokmål – im zweiten Teil, „Mysteriet om Nils„, gehen wir aber auch kurz auf nynorsk ein. Das Besondere bei den Büchern ist, dass sie auf einer zusammenhängenden Geschichte basieren statt auf langweiligen Dialogen. Schau doch mal rein:

Möchtest du Norwegisch lernen mit einer „richtigen“ Lehrkraft über Skype? Das ist sicher die effektivste Art, Norwegisch zu lernen. Wir können dich weitervermitteln an erfahrene, muttersprachliche Lehrkräfte.

Unser Lehrbuch gibt es auch als Online-Videokurs: